Seit 2014 herrscht Krieg im Osten der Ukraine, seit 2015 gibt es eine Friedensregelung, an die sich keiner hält. Kiew kämpft laut eigener Aussage gegen die russische Armee. Moskau streitet das bis heute ab. Was verbirgt sich wirklich hinter dem Kriegsnebel?

Die Nacht auf den 12. Februar 2015 war ein Verhandlungsmarathon. Im weißrussischen Minsk rangen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande vor zwei Jahren dem russischen Staatschef Wladimir Putin und dessen ukrainischen Kollegen Petro Poroschenko einen Kompromiss für Frieden in der Ostukraine ab.

Dort tobten um die Stadt Debalzewe noch heftige Kämpfe. Die für den 15. Februar vereinbarte Waffenruhe trat erst ein, nachdem prorussische Separatisten den Eisenbahnknotenpunkt erobert hatten. Die ukrainische Armee musste geschlagen weichen. Für Kiew ist klar, dass die Rebellen diesen Erfolg nur mit Hilfe russischer Truppen erzielen konnten.

Dabei legt Punkt 10 von 13 der Minsker Vereinbarungen fest: “Abzug aller ausländischen bewaffneten Einheiten, Waffen sowie Söldner vom Gebiet der Ukraine unter Aufsicht der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)”.

Doch wie steht es damit zwei Jahre später? Russland bezieht diese Passage weiterhin nicht auf sich und dementiert einen Einsatz seiner Truppen. Das Versteckspiel dauert an. Wer also kämpft gegen wen in der Ostukraine?

Bild zu Wladimir Putin
Ukraine-Konflikt und Russland: USA verurteilen “aggressives Verhalten”

Fährt Trump gegenüber Moskau einen Zickzack-Kurs? Übt er sich in hybrider Kriegsführung? Oder weiß er selbst noch nicht genau, wohin die Reise im russisch-amerikanischen Verhältnis geht? Mit Blick auf die Ukraine zeigt sich: Washington ist bereit zur Konfrontation.

Verwirrung in der Ukraine

Seit April 2014 herrscht in den ostukrainischen Gebieten Luhansk und Donezk ein “Antiterror-Operation” genannter Krieg, dem nach UN-Angaben etwa 10.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Vorher hatte Russland dem Nachbarland die Krim entrissen, russisches Militär war ausgeschwärmt und hatte die Schwarzmeerhalbinsel fast kampflos unter Kontrolle gebracht.

Dann tauchten schwerbewaffnete “grüne Männchen” mit St. Petersburger Akzent auch in den ostukrainischen Städten Slowjansk und Kramatorsk auf. Für Kiew war klar: “Russland führt Krieg gegen uns.”

Hinter dem Deckmantel örtlicher Aufständischer verberge sich die geballte russische Militärmacht. Trotzdem hat Kiew die diplomatischen Beziehungen nicht abgebrochen, den Freundschaftsvertrag von 1997 nicht aufgekündigt.

Die Schlacht um Debalzewe war das letzte Mal, dass sich die Front wesentlich bewegt hat. Seitdem liefern sich beide Seiten einen Stellungskrieg, beschießen einander trotz Waffenruhe über die Kontaktlinie hinweg mit Handfeuerwaffen, aber auch mit Panzern und Artillerie.

Aktuell sind die Kämpfe laut OSZE so stark wie seit einem Jahr nicht mehr – vor allem bei der Industriestadt Awdijiwka. Dort starben zuletzt Dutzende Menschen. “Die Eskalation war für uns keine Überraschung”, sagt Alexander Hug, Vizechef der Ukraine-Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). In Frontnähe sei die Rückkehr schwerer Waffen bereits seit langem beobachtet worden.

Es werden jedoch offenbar weniger Kräfte eingesetzt als in den Jahren zuvor. Die Ukraine hat aufgeregte Meldungen über die Stärke des Gegners aus den ersten Kriegsmonaten reduziert.

Neue Militär-Zahlen

Anfang Januar machte der ukrainische Verteidigungsminister Stepan Poltorak neue Angaben. “Die terroristische Formation, die in der Zone der Antiterror-Operation gebildet wurde, beläuft sich heute auf etwa 40.000 Mann. Von ihnen sind 5.000 reguläre Streitkräfte der Russischen Föderation”, sagte er dem Präsidentensender 5. Kanal.

Diese Gruppierung verfügt der ukrainischen Aufklärung zufolge über knapp 600 Panzer, 1300 gepanzerte Fahrzeuge, 760 Artilleriesysteme und 300 Mehrfachraketensysteme.

Bild zu Merkel-Besuch in Polen
“Angela Merkel und Beata Szydlo sind gegen Lockerung der Russland-Sanktionen
Bundeskanzlerin Angela Merkel und die polnische Regierungschefin Beata Szydlo haben sich klar für eine Aufrechterhaltung der Sanktionen gegen Russland ausgesprochen. Der Grund: Russland hält sich nicht an den Friedensplan für die Ukraine.“

 

Wenn diese Angaben stimmen, wäre die Separatistenarmee der deutschen Bundeswehr an Feuerkraft überlegen. Die Versorgung mit Sprit, Munition, Proviant kann nur aus Russland erfolgen, denn im Separatistengebiet gab es vor dem Krieg bis auf ein Patronenwerk in Luhansk weder Raffinerien noch Munitionsfabriken.

Aus Moskau kamen für die Belege russischer Militärpräsenz im Donbass unterschiedliche Erklärungen. Präsident Wladimir Putin sprach anfangs von “ehemaligen Bergleuten und Traktoristen”. Die sollten plötzlich entdeckt haben, dass sie Sturmgewehre, Panzer und Raketenwerfer bedienen können. Soldaten hätten sich beurlauben lassen, um dem “Ruf ihres Herzens” folgend für die russische Sache zu kämpfen.

Im Dezember 2015 immerhin gestand Putin ein: “Wir haben niemals gesagt, dass dort keine Leute sind, die bestimmte Probleme lösen, darunter im militärischen Bereich.” Es seien aber keine regulären Truppen anwesend.

Dabei wurden August 2014, als die vorrückenden Kiewer Truppen plötzlich massive Niederlagen erlitten, zehn russische Soldaten in voller Ausrüstung auf ukrainischem Gebiet festgenommen. Moskau sprach von “Verirrten”. Kiew präsentierte sie der Presse und tauschte sie später stillschweigend aus. Auch bei Kämpfen um den Eisenbahnknoten Illowaisk 2014 wurden der ukrainischen Seite nach mindestens vier reguläre russische Soldaten festgenommen.

Ebenso lieferten die Kämpfe um Debalzewe Belege für die russische Präsenz. Danach lag in einem Krankenhaus von Donezk verletzt der Panzer-Richtschütze Dorschi Batokunkujew aus der Region Burjatien in Sibirien. Der Vertragssoldat sagte freimütig in einem Interview: “Wir wussten alle, wohin wir fahren. Ich war moralisch und psychisch darauf eingestellt, dass es in die Ukraine geht.”

Vor dem Grenzübertritt entfernten sie alle Hoheitszeichen an Uniformen und Gerät, ließen Telefone, Pass und Wehrdienstausweis in Russland. Doch nicht alle seine Kameraden seien in den Krieg gezogen.

Auch Militärgerät gefunden

Bei Debalzewe wurden auch Panzer des Typs T-72B gesichtet, einer modernisierten Version aus den 1990ern, über die nur Russland verfügt. Sie tauchten in einem Video des britischen Videobloggers Graham Phillips auf, der auf Separatistenseite arbeitet.

Wie die Präsenz russischer Truppen derzeit aussieht, ist nach Angaben des Militärexperten Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations schwer abzuschätzen. “Im November 2015 wurden die Streitkräfte der ‘Separatisten’ und auch die russischen Truppen umgruppiert”, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Nach Aussagen von Zeugen oder Gefangenen seien die Kommandeure von den Unteroffizieren aufwärts meist Russen. Auch in den Stäben, in der Versorgung und bei spezialisierten Truppen wie elektronischer Kampfführung, Aufklärung, schwerer Artillerie und Luftabwehr würden russische Soldaten eingesetzt.

Die Ukraine selbst hat ihre vor 2014 geschwächte Armee reorganisiert und schlagkräftiger gemacht. Im Donbass kämpfen offiziell nur noch Berufssoldaten. Die 2014 spontan zur Selbstverteidigung gebildeten Freiwilligenbataillone wurden mit Ausnahme des Rechten Sektors in die Nationalgarde integriert, die dem Innenministerium untersteht.© dpa

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