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Spion im Kreml: Die USA sollen jahrelang eine Quelle in Putins Nähe besessen haben

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Amerikanische und russische Medien haben das spektakuläre Schicksal eines Informanten im Moskauer Machtzentrum aufgedeckt

Moskau, Blick auf den Zugang zum Roten Platz: Was sich hinter den Kreml-Mauern abspielt, ist oft unergründlich – doch die USA sollen bis 2017 über einen Informanten im Umkreis Putins verfügt haben. (Bild: Maxim Shipenkov / EPA)

Ackeret, Moskau10.9.2019, 15:21 Uhr Die USA sollen jahrelang eine Quelle in Putins Nähe besessen haben

Spion im Kreml: Die USA sollen jahrelang eine Quelle in Putins Nähe besessen haben

Amerikanische und russische Medien haben das spektakuläre Schicksal eines Informanten im Moskauer Machtzentrum aufgedeckt. Er soll Putins Rolle bei der russischen Einmischung in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf bestätigt haben.Markus

Im Sommer 2017 kehrte Oleg Smolenkow mit seiner Frau Antonina und den drei Kindern nicht aus den Ferien in Montenegro zurück. Weil Smolenkow in der russischen Präsidialverwaltung arbeitete, schrieb kurze Zeit später ein Moskauer Internet-Magazin über das seltsame Verschwinden. Die Familie sei verschollen, hiess es. Für grössere Aufmerksamkeit sorgte das nicht. Die Zeit ging über diesen Fall hinweg, obwohl er in gewissen Kreisen keineswegs vergessen war.

Bis zum Montag: Da berichteten zunächst der Fernsehsender CNN und dann die «New York Times» und andere amerikanische Medien, im Sommer 2017 sei eine bedeutende Quelle der amerikanischen Nachrichtendienste aus Russland «exfiltriert» worden. Der Mann habe zu den innersten Zirkeln des Kremls Zugang gehabt und wertvollste Einschätzungen und Informationen geliefert. Dazu zählt offenbar die Bestätigung dafür, dass Putin selbst die Anordnung zur Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf 2016 gegeben habe. Daraufhin begannen im russischen Internet die Spekulationen, und die Zeitung «Kommersant» fügte die beiden Enden zusammen: Amerikas Maulwurf in Präsident Putins direktem Umfeld sei Smolenkow gewesen.

Trump und Putin – betrachtet durch die Augen des russischen Malers Alexei Sergijenko. (Bild: Anatoly Maltsev / EPA)
Trump und Putin – betrachtet durch die Augen des russischen Malers Alexei Sergijenko. (Bild: Anatoly Maltsev / EPA)

Der Kreml wiegelt ab

Die Bestätigung dafür will die Moskauer Zeitung aus amerikanischen Regierungskreisen bekommen haben, und sie fügt sich in das Bild, das die amerikanischen Medien zeichnen. Diese nennen keinen Namen, aber sie kennen ihn. Ein Reporter des Senders NBC klingelte sogar an der Tür des Hauses, in dem die Familie angeblich im Grossraum Washington wohnt. Ob es die stattliche Villa ist, die das Ehepaar nach Angaben von «Kommersant» 2018 gekauft hat, lässt sich nicht eruieren. Es klingt jedenfalls bemerkenswert, dass Smolenkow und seine Familie in den USA unter ihrer früheren Identität gelebt haben sollen. Denn wahrscheinlich blieb den russischen Geheimdiensten das Schicksal der Smolenkows nicht verborgen. «Kommersant» berichtet, nach dem Verschwinden der Familie habe das staatliche Ermittlungskomitee ein Verfahren wegen Mordes eingeleitet, das mehrmals unterbrochen und wieder aufgenommen worden sei. Schliesslich hätten die Ermittler und die Sicherheitsbehörden aber herausgefunden, dass die Verschollenen am Leben seien und sich in einem anderen Land befänden.

Hatten sie kein Interesse an Smolenkow? Wollten sie ihn in Sicherheit wiegen lassen? Putins Sprecher bestätigte immerhin am Dienstag, Smolenkow habe einst in der Präsidialverwaltung gearbeitet, sei aber aus internen Gründen schon vor einigen Jahren entlassen worden. Überhaupt habe Smolenkow dort gar keinen Rang bekleidet, der ihm Zugang zum Präsidenten verschafft hätte. Die Berichte der amerikanischen Medien über dessen Rolle und Absprung gehörten eher ins Genre der Kriminalliteratur. CNN hatte erwähnt, der Spion habe sogar Dokumente auf Putins Schreibtisch fotografieren können.

Wie nah an Putin?

Auch die Quellen von «Kommersant» in der Kreml-Verwaltung sind sich über Smolenkows Möglichkeiten nicht einig. Er habe nur technische und organisatorische Dienste erledigt, sagen die einen. Er sei enger Mitarbeiter von Juri Uschakow gewesen, dem aussenpolitischen Berater Putins, früheren langjährigen russischen Botschafter in Washington und neben Aussenminister Sergei Lawrow wichtigsten Diplomaten Russlands, sagen andere. Uschakow verfüge über direkten Zugang zum Präsidenten. Da die zentralen aussenpolitischen Maximen im Kreml, nicht im Aussenministerium beschlossen werden, ist er eine zentrale Figur gerade auch für das Verhältnis zu Amerika.

Tatsächlich spricht einiges dafür, dass Smolenkow das Vertrauen des 72-jährigen Diplomaten genoss. Nach den vorliegenden biografischen Informationen wechselte er mehrmals parallel zu Uschakow die Stelle. Er war in verschiedenen Abteilungen des Aussenministeriums in Moskau tätig, dann während Uschakows Zeit als Botschafter in der russischen Vertretung in den USA. Auch dass Smolenkow offenbar vor dem Wechsel in die Präsidalverwaltung im Apparat der Regierung tätig war, würde dazu passen: Bereits als Putin von 2008 bis 2012 Regierungschef war, diente ihm Uschakow als aussenpolitischer Berater.

Gefährdete Informanten

«Jahrzehntelang» habe der CIA-Informant aus dem Innern der russischen Macht Geheimnisse verraten, schreiben amerikanische Medien. Der Mann sei ein Glücksfall für die Nachrichtendienste gewesen: Nur sehr selten gelinge es, dass ein Angeworbener so hoch aufsteige. Wie nah er Putin tatsächlich kam, bleibt wohl strittig, aber dass er in höchstem Masse gefährdet war, je mehr über einen «Spion im Kreml» geschrieben wurde, war der CIA bewusst.

CNN rückte die Enthüllung über die Exfiltration des Informanten aus Russland in den Zusammenhang mit dem grossen Misstrauen der amerikanischen Nachrichtendienste gegenüber Präsident Trump: Diesem wird zugetraut, gedankenlos klassifizierte Informationen mit der Öffentlichkeit oder ausländischen Politiker zu teilen und dadurch Quellen zu gefährden. Eine solche Gefahr habe auch bei einem Treffen Trumps mit Lawrow und dem damaligen russischen Botschafter Sergei Kisljak bestanden, ebenso während der ersten Begegnung mit Putin in Hamburg im Sommer 2017. Deshalb habe die CIA den Informanten – also vermutlich Smolenkow – aus dem Land bringen wollen. Als sich dieser zunächst dagegen gewehrt habe, sei der Verdacht aufgekommen, er sei doch nicht so zuverlässig.

Hat sich tatsächlich alles so zugetragen, wirft es ein schlechtes Licht auf die russische Spionageabwehr. Informanten ausländischer Geheimdienste in nächster Nähe zu wichtigsten Entscheidungsträgern haben schon zum Sturz von Politikern geführt. Auch Uschakow, an dessen Stuhl manche sägen, könnte in Schwierigkeiten kommen. In anonymen, oft gut informierten, aber auch von Gerüchten und Spekulationen getriebenen russischen Nachrichtenkanälen des Kurzmitteilungsdienstes Telegram malten sich einige schon die geharnischten Reaktionen des Kremls aus und befürchten andere eine weitere Verschlechterung des bilateralen Verhältnisses. Die Kommentare von Putins Sprecher deuten eher darauf hin, dem Ganzen nicht allzu viel Gewicht beimessen zu wollen. Genauso, wie bei Smolenkows Verschwinden im Sommer vor zwei Jahren.

Quelle/nzz.ch/international/spion-im-kreml

Author: Nilzeitung

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